Kartensprüche von Victor Blüthgen

Die Wege, die dein Kind soll schreiten,
geh' ihm voran;
sonst wandelt's der Gelegenheiten
unsichre Bahn.

Das ist der liebe Weihnachtsbaum.
Ja solch ein Baum!
Der grünt bei Schnee, der glänzt bei Nacht
wie die himmlische Pracht,
trägt alle Jahre seine Last,
Äpfel und Nüsse am selben Ast,
Zuckerwerk obendrein -
so müßten alle Bäume sein!
Nun hat ihn gebracht der Weihnachtsmann,
drei Kinder steh’n und seh’n ihn an.
Das erste spricht:
"Der ist doch Weihnacht das Schönste, nicht?"
Das andre: "Woher an Äpfeln und Nüssen
Gold und Silber wohl kommen müssen?
Ich denk mir, das Christkind fasste sie an,
gleich war Gold oder Silber dran."
Das dritte: "Christkind müßte einmal
den ganzen Wald so putzen im Tal;
dann würde gleich aller Schnee zergeh'n,
und dann - das gäb ein Spazierengeh'n!"

Nun wandelt auf verschneiten Wegen
die Friedensbotschaft durch die Welt;
aus Ewigkeit ein lichter Segen
in das Gewühl des Tages fällt.
Schon blinkt die Nacht, die Glocken schwingen,
und willig macht die Menschheit halt;
das wilde Drängen, Hasten, Ringen
entschläft; der wüste Lärm verschallt.
Ein Opferduft aus Tannenzweigen,
ein Wunderbaum mit Sternenpracht,
und um den Baum ein Jubelreigen -
das ist das Fest, von Gott gemacht.
O holder Traum, laß dich genießen:
daß alles glücklich, gut und fromm!
Dann mag die Seligkeit zerfließen,
der alte Kampfplatz winken: Komm!

Schick nicht ins Leben spähend deine Blicke,
Das Glück erwartend mit der Sehnsucht Pein,
Bau dir zum Glück mit eigner Hand die Brücke,
Beglücke du, so wirst du glücklich sein.

Leben ist ein köstlich Ding,
brauchst du's klug gesinnt:
Nutz es wie ein Schmetterling,
nimm es wie ein Kind!

Leg's dem Leben nicht zur Last,
dünkt sein Wert dich Plunder!
Wenn du Märchenaugen hast,
ist die Welt voll Wunder.