Unsere wichtigsten Heilpflanzen

13. März 2009 - 5:37 -- Gast (nicht überprüft)

Allgemein verständlich dargestellt von P. Heinrichs.
Mit 26 farbigen Abbildungen nach Aquarellen von F. Arnold

Erschienen in Leipzig 1913, Verlag für Kunst und Wissenschaft.

Zwischen Berg und tiefem Tale
Sprießt ein Kräutlein, weltvergessen;
Wer es fände, wer es äße,
Könnte ganz gesund sich essen."

nach F. W. Weber

Ja, wer es fände! Nach diesem Kräutlein Wunderhold, dass so köstlichen Lebensbalsam spenden soll, suchen die Menschen schon Tausende von Jahren, seit ihnen der Zutritt zum Baume der Unsterblichkeit in Edens Garten verwehrt wurde. Aber wie emsig sie auch forschten und den Gewächsen nachspürten "von der Zeder des Libanon bis zum Ysop, der an der Mauer wächst", sie mussten schließlich immer bekennen: " Gegen den Tod ist kein Kraut gewchsen." Es ging ihnen wie den Alchimisten des Mittelalters, die vom Stein der Weisen fabelten und Gold machen wollten: Sie fanden sich in ihrem heißen Bemühen stets kläglich betrogen. Wie aber die Arbeit dieser Männer trotz ihres verfehlten Zweckes keineswegs nutzlos war, sondern der Wissenschaft der Chemie treffliche Bausteine lieferte, so hat auch das Durchforschen der Pflanzenwelt nach Wundermitteln die schönsten Früchte gezeitigt; denn wenn auch niemand den Baum des Lebens entdeckt hat, so ist man doch über dem Suchen und Versuchen mit manchen Gewächsen bekannt geworden, in deren Säften heilsame Stoffe schlummern, die geeignet sind, allerlei Krankheitszustände wirksam zu bekämpfen. Die Entdeckungen auf diesem Gebiete sind noch lange nicht abgeschlossen. Bis in die neueste Zeit hinein hat man Arzneien im Pflanzenreiche ausfindig gemacht, und wer vermag es als unmöglich zu beweisen, dass in vielen bekannten und unbekannten Wurzeln und Blättern und Blüten bisher noch ungeahnte Kräfte schlafen? Warum sollte es nicht sein können? Liefert uns die Pflanzenwelt nicht vortreffliche Nahrungsstoffe zum Aufbau unseres Leibes? Gibt es nicht Gewächse, deren Säfte verheerend in den Eingeweiden wüten und Gesundheit und Leben zerstören? Warum sollte es denn nicht auch Kräutlein geben, die durch Stoffe eigentümlicher Art wohltätig auf unser Inneres wirken, die, ohne eigentliche Nahrungsmittel zu sein, Schädlichkeiten vertreiben, das Blut reinigen und auffrischen? Gewiss ist vieles, was in alten Kräuterbüchern über die ans Wunderbare grenzende Wirkung dieses oder jenes Krautes mitgeteilt wird, übertrieben und lächerlich. Ebenso töricht aber wäre es, wollte man die ganze Pflanzenheilmittellehre verächtlich beiseite werfen, um sich ausschließlich jenen Arzneien zuzuwenden, die die Chemie aus den Naturkörpern herzustellen sucht. Die Anhänger der Pflanzenheilkunde sind der Ansicht - und wohl mit Recht -, dass die pflanzlichen Stoffe zur Aufnahme in den menschlichen Organismus durch ihre natürliche Zusammensetzung viel besser vorbereitet sind, als die künstlichen Erzeugnisse der Laboratorien.

Die Kenntnis der Arzneipflanzen war einst im Volke viel verbreiteter als heutzutage, ja man findet selbst Studenten der Botanik, die solche Gewächse kaum dem Namen nach kennen. Ein nicht sehr berühmter Dichter hat einmal gesungen:

"Kräuter, die zwar farbig blühen,
Doch zur Zeit nicht dienlich sind,
Und nicht brauchbar sind zu Brühen,
Überlass' ich gern dem Wind."

Keinem Vernünftigen wird es ja nun einfallen, eine solche Nützlichkeitsträumerei als obersten Grundsatz für die Beschäftigung mit der Pflanzenwelt hinzustellen; indes ein wenig darf man auch sich selber lieben, sich und seinen armen Körper", und so möchte ich denn jedem jungen Botaniker eine willkommene Handreichung bieten, sich so ganz nebenbei auch jene Pflanzenkenntnis anzueignen, worin seine weniger gelehrten Vorfahren ihm überlegen waren. Hoffentlich findet der freundliche Leser zu seiner Freude, dass dieses Büchlein nicht vom bloßen Nützlichkeitsstandpunkte geschrieben ist, obgleich auch jene auf ihre Rechnung kommen sollen, die es nur in die Hand nehmen, um zu erfahren, wozu dieses oder jenes gut und "dienlich" ist.

Für solche, die in der schulmäßigen Pflanzenkunde nicht bewandert sind, entsteht die Schwierigkeit, aus dem zahllosen Heere der Gewächse die beschriebenen herauszufinden. An ein eigentliches "Bestimmen" im Sinne des Botanikers ist hier gar nicht zu denken. Helfend eingreifen muss die naturgetreue Abbildung. Deshalb sind in diesem Büchlein (Mit Ausnahme von Heidelbeere und Eiche) keine Pflanzen besprochen, die nicht zugleich im Bilde so dargestellt wären, dass die Ähnlichkeit mit denen in der Natur sofort in die Augen springt. Überdies handelt es sich meist um häufige Gewächse, die wohl jeder schon oft gesehen und bemerkt hat, möchten ihm auch Name und Verwendung fremd sein. Auch die Einteilung nach den vorwiegenden Standorten bietet schon einen guten Fingerzeig, und bei den einzelnen Beschreibungen sind alle Umstände nach Möglichkeit berücksichtigt, die das Auffinden noch weiter erleichtern können. Besuche in botanischen Gärten, sowie Besprechungen mit Personen, die sich eine zuverlässige Kenntnis der betreffenden Pflanzen bereits angeeignet haben, werden etwa zurückbleibende Zweifel völlig lösen. Wer die empfohlenen Heilmittel selber bereiten und anwenden will, muss selbstverständlich über die einschlägigen Pflanzen vollständig im Klaren sein, damit keine unliebsamen, ja verhängnisvollen Verwechslungen vorkommen. Hauptzweck unserer Ausführungen ist, die gebräuchlichsten Heilpflanzen kennen zu lernen und für sie zu interessieren. Deshalb haben wir uns meist auf die Hervorhebung der Heilwirkung beschränkt, die für die betreffende Pflanze besonders charakteristisch ist, da es keineswegs in unserer Absicht lag, einen vollständigen "Kräuterarzt" zusammenzustellen. Wir wollen gute Hausmittel bringen, nicht aber dem Arzt ins Handwerk pfuschen. Es bedarf wohl kaum der Versicherung, dass wir uns bei der Auswahl der Mittel auf die hervorragendsten Fachmänner der Pflanzenheilkunde gestützt haben, und nicht kritiklos jedes Rezept irgend einer alten Zigeunerin oder eines klugen Schäfers als wirksam anpreisen wollen.

Nun frisch auf die Wanderschaft!

"Die Weisheit ist alt, doch des Dichters Pflicht,
Dass sie immer ein neues Röcklein kriegt."
F. W. Grimme

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