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Gespeichert von Bastelfrau am 20 November 2015
Kunsttherapie: Selbsterkenntnis durch Basteln

Francisco de Goyas (1746–1828) Bild "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" von 1797/98 veranschaulicht in hervorragender Weise, worin die Wurzel und zugleich Basis der Kunsttherapie ruht: Innere Zustände werden künstlerisch zum Ausdruck gebracht, sodass es möglich wird sie gleichsam von außen zu betrachten, zu analysieren und zu verstehen. Mit diesem therapeutischen Ansatz beschäftigt sich der vorliegende Beitrag.

 

Die Essenz aus Goyas Lithografie: Im Traume, wo die Vernunft schläft, produziert der menschliche Verstand, die menschliche Phantasie Schreckensbilder und monströse Vorstellungen. Kombiniert mit der Vernunft bzw. mit dem Intellekt ist er allerdings in der Lage, daraus Kunst entstehen zu lassen. Die Kunst ihrerseits aber ist, ob literarisch, malerisch oder musikalisch, gewissermaßen ein bloßer Sonderfall von Kommunikation. Und als solcher bringt er etwas zum Ausdruck, das - latent und/oder manifest - Bedeutung trägt. Der Mensch muss Kunst zunächst produzieren, um sie im Gegenzug rezipieren und mit den Kriterien der Vernunft verstehen zu können.

 

Die Kunsttherapie, deren erste Ansätze sich im englischsprachigen wie europäischen Raum erst zwischen Anfang und Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten, findet vor allem in Krankenhäusern, Schulen, Museen, Gefängnissen, Altersheimen, in sozialen Einrichtungen und in der freien Praxis Anwendung. In Deutschland ist der Beruf des "Kunsttherapeuten" anders als in England nicht gesetzlich geregelt. Allerdings sind kunsttherapeutische Angebote mittlerweile ein fester Bestandteil von Behandlungskonzepten in klinisch-medizinischen Einrichtungen. Im Gegensatz zu klassischen psychotherapeutischen Ansätzen, wie etwa der Psychoanalyse, besteht die Therapiestruktur in kunsttherapeutischen Kontexten im Wesentlichen aus drei Elementen, der sogenannten "kunsttherapeutischen Triade": Patient, Therapeut und künstlerisches Medium. Die wissenschaftliche Basis dagegen liegt durchaus in verschiedenen psychologischen, psychoanalytischen, tiefenpsychologischen, anthroposophischen, pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Ansätzen, auf welche hier aber nicht weiter eingegangen werden kann. Die Kunsttherapie ist sowohl damit befasst die Ursachen psychischer Störungen an die Oberfläche zu bringen als auch Lösungswege aufzuzeigen. Der Patient soll wieder autonomer und handlungsfähiger werden. Der künstlerische Ausdruck des Patienten dient dabei als Medium der Erkenntnis.  

 

Die Patientinnen und Patienten in der Kunsttherapie arbeiten je nach therapeutischem Schwerpunkt mit Stiften, diversen Farben, Tonerde, Gips, Speckstein und mit Techniken des Pappmaschees. Durch gestalterische Tätigkeiten, wie Malen oder Basteln, erlebt sich der Patient als handlungsfähig. Er erkennt, dass er in der Lage ist etwas zustande zu bringen. Dadurch wird sein Selbstbewusstsein gestärkt. Die Aufgabe des Therapeuten ist es den Patienten während seines schöpferischen Prozesses zu begleiten, zu fördern, aber auch seine Ausdrucksgestalten analytisch-methodisch ernst zu nehmen. So können letztere Anlässe für weitere therapeutische Gespräche evozieren oder bereits entwickelte diagnostische Hypothesen stützen, falsifizieren oder modifizieren.

 

Vor allem die Verknüpfung geistiger und motorischer Fähigkeiten ist ein zentraler Aspekt kunsttherapeutischer Maßnahmen. Wenn man etwas basteln will, so muss man sich etwas ausdenken, eine Idee haben. Sodann gilt es zu prüfen, ob die Idee überhaupt praktikabel und mit den eigenen Fähigkeiten kompatibel ist. Dazu muss man seine Fertigkeiten gut kennen, und anderenfalls zunächst kennenlernen. Ferner braucht man einen Handlungsentwurf, einen Plan, der zum Ziel führen soll. Logik und räumliches Denken sind gefordert, zudem muss erneut der Rückbezug zu den persönlichen motorischen Voraussetzungen hergestellt werden. Man sieht, es handelt sich um eine höchst komplexe, von der Dialektik zwischen Denken und Handeln geleitete Angelegenheit. Das fertige Produkt schließlich in den Händen zu halten, bereitet dem Produzenten ein mächtiges Erfolgserlebnis. Aus diesem Grunde sind künstlerische Tätigkeiten wie Basteln und Malen auch außerhalb therapeutischer Kontexte sinnvoll. Sie fördern die mentale Erholung und Konzentration. Möchte man dies etwa selbst ausprobieren, so bietet es sich an zum Beispiel Dinge wie Geschenke eigens zu gestalten, sich dafür etwas einfallen zu lassen und einen Teil von sich hineinzugeben. Anfangen kann man getrost mit Dingen wie Fotoalben oder -büchern, mit Geburtstags-, Post- oder Einladungskarten. Letztere lassen sich, nachdem man sie etwa am heimischen Rechner designt hat, auch zum professionellen Druck in Auftrag geben, zum Beispiel bei diesem Experten. Wie du es letztlich machst, ist aber natürlich nur dir und deiner Kreativität selbst überlassen.

 

Schlussendlich muss man festhalten, dass "Der Schlaf der Vernunft" natürlich Ungeheuer erzeugen kann; er kann aber auch ungeheure Kreativität freisetzen und, ob durch Therapie oder Eigeninitiative, zur Selbsterkenntnis führen. Leider konnte dieser Artikel nicht ausführlich, geschweige denn vollständig auf die wissenschaftlichen und praktischen Hintergründe der Kunsttherapie eingehen. Sollte dein  Interesse allerdings geweckt sein, so findest du die wichtigsten Informationen dazu problemlos im Internet.

Zeichnen und Malen